Naturschutz als Geschäftsmodell

Naturschutz als Geschäftsmodell

Bredstedter Firma ecodots entwickelt 30 Kilometer Knick im Jahr – wer dabei mitmacht

Wolfgang Hassler-Risch hat sechs Hektar Land bei Löwenstedt ökologisch entwickeln lassen: Er glaubt, dass sich in Zukunft mehr Landwirte für dieses Modell entscheiden werden.

(Foto: Frank Spyra)

Im Norden der Gemeinde Löwenstedt steht Wolfgang Hassler-Risch auf einem Steinhaufen und überblickt seine sechs Hektar Land. Im vergangenen Jahr hat sich hier einiges getan, seitdem er mit der Bredstedter Firma ecodots in Kontakt kam. Ein neuer Teich ist entstanden. Mit dem Aushub errichteten die Gartenbauer zwei Erdwälle für Knicks. Ein kleiner Obstgarten mit Apfelbäumen, Kirschen und Pflaumen ist am nördlichen Ende entstanden.


Ein Wachstumsmarkt

Der 60-Jährige wollte sein Land eigentlich verpachten. Durch einen Bekannten stieß er dann auf die ecodots in Bredstedt. Er bekam ein Angebot und war überzeugt. „Es ist eine gute Sache“, sagt er heute. „Ich glaube, das werden in Zukunft mehr Landwirte machen.“ Der Viöler bekommt jetzt immer noch Pacht. Nicht mehr so viel, wie im Falle der konventionellen Nutzung – auf dem Gelände darf nur noch ökologischer Landbau betrieben werden. Aber dafür hat er auch Geld für die Ökopunkte erhalten.
Aber was macht ecodots eigentlich genau? Wer baut, muss für die bebaute Fläche Ausgleichsflächen bereitstellen. Das kann nicht jeder. Also wohin? Und was machen Menschen, die Land haben, aber nicht bauen oder verpachten wollen? Eine Möglichkeit für sie besteht darin, ihre Flächen in Ausgleichsflächen umzuwandeln, sich dafür sogenannte Ökopunkte gutschreiben zu lassen und diese zu verkaufen. Die Firma ecodots aus Bredstedt fungiert als Bindeglied zwischen diesen beiden Gruppen.
„Wir wachsen ziemlich stark“, sagt Sven-Hermann Pohlmann, Geschäftsführer der Firma. 2009 habe er – unterstützt von seiner Frau – alleine angefangen, Ökopunkte zu vertreiben. Heute beschäftigt sein Betrieb außer ihm noch 23 weitere Menschen. „Ökopunkte kann jeder machen, der Lesen und Schreiben kann“, sagt er. Der Kern des Geschäftsmodells seiner Firma besteht in dem, was mit den Flächen passiert. Denn ecodots entwickelt die Ausgleichsflächen auch.
Dafür kauft sie die Flächen zunächst entweder selbst, erklärt Pohlmann, oder sie schließt Nutzungsverträge mit den Besitzern ab. Pohlmann spricht von Ersatzwald-Aufforstung oder der Umwandlung von Nutzwald in Naturwald. Vom derzeitigen Eschensterben und davon, dass seine Firma diese Bäume deswegen im Moment nicht pflanze. Der Geschäftsführer geht in die Details, aber stolz ist er auf die Knicks, die seine Firma anlegt. Rund 30 Kilometer im Jahr.
Versteht er sich als Naturschützer? „Ja, auf jeden Fall. Ich bin nicht tiefgrün, ich bin kein Vegetarier und ich fliege auch manchmal“, sagt der 48-Jährige. Aber dass seine Firma einen Beitrag leistet, steht für Pohlmann außer Frage. Dabei wurde er anfangs sogar von der eigenen Familie belächelt. „Selbst mein Vater war anfangs skeptisch“, sagt er. Heute sei aber auch der überzeugt, dass ecodots etwas Gutes tue.
Diese Skepsis erfuhr Pohlmann auch vonseiten der Behörden, mit denen er zusammenarbeitet. „Mit Naturschutz Geld verdienen? Das hat für viele etwas Anrüchiges“, beschreibt er seinen Eindruck. Immerhin: Pohlmann ist Bankfachwirt, war in der Immobilienentwicklung tätig. Gibt der Erfolg ihm recht? Stand jetzt hat das Unternehmen rund zehn Millionen Ökopunkte entwickelt, etwa 100 Kilometer Knick angelegt und rund 50 Hektar Wald aufgeforstet.
Carl-Heinz Christiansen ist Vorsitzender des Bundes für Umwelt- und Naturschutz Deutschland (BUND) im Kreis Nordfriesland. Er erklärt, dass es vier Stufen der Ausgleichsleistungen gibt. Die erste ist die Vermeidung, dann die Ausgleichsmaßnahme, die Ersatzmaßnahme und letztlich die Ersatzzahlung. Die von Ecodots entwickelten Flächen fallen in die zweite Kategorie. „Am liebsten ist uns natürlich die Vermeidung“, sagt der Naturschützer. Aber auch die Ausgleichsmaßnahmen könnten sinnvoll sein – wenn es sich um Ausnahmen handelt.
Hassler-Risch steht auf seiner Ausgleichsmaßnahme und stimmt ihm grundsätzlich zu: „Wir haben der Natur in den vergangenen Jahrzehnten so viel genommen. Es ist gut, wenn sie auch wieder etwas zurückbekommt.“ Dafür sorgt er, indem er ihr sechs Hektar gibt.

 

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags:

Quelle: LOKALES HUSUMER NACHRICHTEN
Datum: Montag, 24. Oktober 2022
Autor: Frank Spyra